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Lawinenunglück bei Neukirchen (Pinzgau) – Kommerz auf Kosten der Sicherheit

Am 02.03.2012 ereignete sich in der Nähe von Neukirchen (am Großvenediger) ein Lawinenunglück mit tödlichem Ausgang für einen 40-jährigen Deutschen.

Siehe hier den Bericht.

Und die Reportage im ORF

Insgesamt wurden sieben Teilnehmer der 14!!! köpfigen Gruppe verschüttet. Sechs verschüttete konnten, zum Teil verletzt, geborgen werden. Der 40-jährige wurde noch am Ort reanimiert, erlag aber später im Spital Salzburg seinen Verletzungen.

Geradezu unglaublich und unverständlich ist, dass die geführte!! Gruppe unter Außerachtlassung der einfachsten Sicherheitsmaßnahmen unterwegs war.

Hier einige Fakten:

  • Die Führerin war weder dazu ausgebildet, noch berechtigt, solch eine Tour zu leiten.
  • Eine solch große Gruppe ist für eine/n Führer/in nicht vernünftig zu überschauen und zu betreuen.
  • Nur wenige Tage zuvor war, in der unmittelbaren Nähe der Unglücksstelle, bereits ein finnischer Skitourengeher tödlich in einer Lawine verunglückt.
  • Der Bereich in dem sich die Gruppe bewegte galt als hoch gefährdet.
  • Die Lawinengefahr war zu diesem Zeitpunkt als erheblich (Stufe III, örtlich IV) eingestuft und aufgrund der Wetter- und Schneeverhältnisse war mit Selbstauslösung von Naßschneelawinen selbst in nicht so exponierten Lagen zu rechnen.
  • Es wurde durch den Veranstalter versäumt jegliche Schutzausrüstung (Lawinenpieps = LVS, Schneeschaufeln, Lawinensonde etc.) mitzunehmen bzw. netsprechende Einweisungen zu erteilen.

Mindestens 99 Retter waren daran beteiligt die verunglückten zu bergen.

Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt nur wenig entfernt in den Kitzbüheler Alpen unterwegs und habe aufgrund der hohen Lawinengefahr auf fast alle geplanten Touren verzichtet und nur ganz, ganz „kleine Brötchen gebacken“. Selbst im Bereich der gesicherten Pisten kam es auch dort immer wieder zu spontanen Lawinenabgängen. Und dennoch wagt man es mit solch einer Gruppe, unter solchen Bedingungen ins freie Gelände zu gehen.

Gerade Schneeschuhgehen wird immer mehr zu einer Trendsportart. Bietet es doch die Möglichkeit auch unerfahrenen das Wintererlebnis in den Bergen nahe zu bringen. So verwundert es nicht, dass immer mehr Angebote von Hotels, Tourismusverbänden und anderen gemacht werden.

Im Interesse geringer Preise, zum einen um den Gewinn zu mehren, zum anderen aber auch weil beim Kunden in zunehmendem Maße die „Hauptsache billig!“ Mentalität umgeht (Geiz i….). Die Ursachen sind also durchaus nicht nur auf Veranstalterseite zu suchen.

Dennoch gibt es klare Vorgaben und Verantwortlichkeiten.

Zur Zeit wird gegen die Führerin der Gruppe wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Dies soll hier keine Vorverurteilung oder allgemeines anprangern solcher geführten Touren und deren Veranstalter oder Teilnehmer sein. Vielmehr geht es mir darum auch und vor allem bei Teilnehmern solcher Touren daran zu appellieren, sich vorher besser zu informieren und auf entsprechende Sicherheitsstandards und Einhaltung der Vorgaben zu drängen.

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang zb. die Stellungnahme von Günter Karnutsch, Obmann des Salzburger Bergführerverbandes, der die staatlich geprüften Berg- und Skiführer:

Und hier im Text.

Vielleicht gibt dieses Unglück doch Anlaß einige Dinge in dieser Hinsicht zu überdenken und bewirkt letztendlich doch auch noch etwas gutes.

Ich möchte hiermit den Hinterbliebenen, des tödlich verunglückten, mein herzliches Beileid aussprechen. Es ist zu tragisch, dass gerade solch eine Tour die doch etwas wunderschönes und unvergessliches sein soll, solch ein trauriges Ende nahm.

Kellerkopf 2124m

Am Gipfel des KellerkopfsKleine Brötchen backen. Das ist nach wie vor das Motto dieses Urlaubs. Immer wieder Schlechtwettertage und dann, wenn das Wetter etwas besser ist, die Chance nutzen und eine Tour angehen, die möglichst sicher ist und dennoch einen gewissen Erlebniswert bietet. Dank Ralfs ausgezeichneter Ortskenntnis lassen sich doch noch einige schöne Ziele aufbieten, die ein gewisses Bergerlebnis bei großer Lawinensicherheit gewähren.

Wühlen im Tiefschnee

So auch der Kellerkopf. Mit seinen 2124m ist er quasi der Hausberg des Voppichlhofs und so können wir vom Frühstückstisch weg gleich in die Spur gehen. Auf steilem aber gut gangbaren Waldweg geht es zügig bergan. Der Weg ist schon gut gespurt und trotz des Neuschnees der vergangenen Tage können wir auf die Schneeschuhe verzichten.

Erst später, als sich der Wald etwas lichtet, geraten wir in Versuchung sie anzuziehen. Aber ab hier wird das Gelände auch zunehmend steiler und da würden die „Bigfoots“ kaum hilfreich sein. Also weiter auf kleinen Füßen. Im letzten Teil, unterhalb des Gipfels, hat es dann ordentlich Schnee hereingeblasen. So müssen wir uns, teilweise bis an die Hüften, durch den Schnee wühlen, bevor wir das Gipfelkreuz erreichen.

Aber auch heute ist uns keine gemütliche Gipfelrast vergönnt. Inzwischen hat es wieder zugezogen und ein frischer Wind treibt uns Schneeflocken um die Ohren. Hilft alles nichts. Also zügig runter. Der Abstieg gestaltet sich dann kurz und problemlos.

Auf dem Voppichlhof angekommen stellt sich hier nur noch die Frage: Kaffee oder Hefeweizen? Die Antwort dürfte klar sein 🙂

Abstieg im SchneetreibenDer Kellerkopf bietet, aufgrund des Wegverlaufs im Wald, eine gute Möglichkeit, auch bei schlechten Lawinenbedingungen, noch eine sichere Gipfeltour machen zu können und wäre somit ein Tipp für „schlechte Zeiten“.

Hier die GPS-Daten der Tour zum Download…….

Bergsuechtig.de wieder auf (Schneeschuh-) Tour

Schneeschuhtour Wettersteingebirge 2005Endlich ist es soweit. Auch für mich (Piet) und Ralf ist nun endlich Urlaubszeit. Am Sonntag geht es dann in unsere geliebten Ahrntaler Berge in Südtirol.

Schnee satt und eine Menge lohnender Tourenziele sind aber auch zu verlockend. Da Ralf aber den Tourenski rigoros den Rücken gekehrt hat und ich auf selbigen auch nicht gerade eine gute Figur mache, haben wir uns einmal mehr für die „Entdeckung der Langsamkeit“ auf Schneeschuhen entschieden.

Und auch dieses Mal wird nicht nur der Mensch (Hölle, dieser Winterspeck), sondern auch die Technik getestet. Ich werde mit meiner neuesten Errungenschaft, den MSR Lightning Schneeschuhen, auf Tuchfühlung gehen. Außerdem werde ich ein eTrex Vista HCX zum ersten Mal (für mich) auf Tour testen. Mit seinen ca. 25-30 h Betterielaufzeit und dem hochempfindlichen Empfänger sollte es ein Spitzenkandidat für Outdooraktivitäten sein. Lassen wir uns überraschen.

Anders als sonst sind wir aber diesmal nicht ausschließlich mit Zelt unterwegs (man wird ja nicht jünger), sondern unternehmen die meisten Touren von unserem Basecamp, dem Voppichlhof (www.voppichlhof.de), aus. Aber es sind auch einige Mehrtagestrips mit Zelt und Schlafsack geplant. Da wir auf dem Voppichlhof Internetanbindung haben, wird so die Berichterstattung nicht zu kurz kommen.

Aber so ganz ohne Schatten ist das Ganze nicht. Die Schneeverhältnisse sind derzeit mehr als heikel und die Lawinengefahr sehr hoch. So wird der Faktor Sicherheit an allererster Stelle stehen und die Verhältnisse entscheiden über Tourenziel und -anzahl. Somit kann es durchaus sein, das wir auf „höhere Ziele“ verzichten müssen. Bei dieser Gelegenheit werden wir uns somit nochmal eingehend mit der LVS Technik (Ortovox X1) beschäftigen. Hoffentlich nur zu Übungszwecken.

Selbstverständlich wird es dann auch die GPS Daten zu den Touren hier zum Download geben.

Winterspeck und ein Dackel Namens Amadeus

Tag 1 meiner Tour durch den Norden Brandenburgs. Manchmal hat das schlechte auch seine guten Seiten. Da ich zu Ostern Dienst schieben musste, brauchte ich mich nicht über das schlechte Wetter zu ärgern. Statt dessen kann ich nun an Pfingsten bei traumhaftem Sonnenschein auf Tour gehen. Und etwas machen muß ich dringend. Hat sich doch mehr Winterspeck angesammelt als sonst (man wird ja auch nicht jünger) außerdem hatte mich ein heftiger Infekt zwei Wochen flachgelegt und endgültig aus der Bahn geworfen. Es war auch an der Zeit aus dem Alltagstrott mal wieder auszubrechen. Mein tolles neues Trekkingrad wartete sehnsüchtig auf die Einweihung. Aber wohin? Eine Tour für drei Tage ohne Streß!? Der Berlin-Usedom Radweg war eine interessante Sache. Aber den südlichen und nördlichen Teil hatte ich schon befahren. Bei diesem tollen Wetter würde dort an Pfingsten „Gott und die Welt“ auf Achse sein. Der Spreeradweg versprach auch schöne Erlebnisse. Aber im Spreewald würden sich ebenso unendlich viele Touristen und noch mehr Mücken tummeln. Beides nicht gerade motivierend. Also erst mal die Führer für die beiden Touren gekauft und die Planung begonnen. Irgendwie zog es mich dann doch mehr in Richtung Norden. Und dann warf ich, nur einen Tag vor Abfahrt, noch mal alles über den Haufen. Ich wollte ne ruhige Tour! Und die versprach mir der Bike&Rail Führer „Mit Rad und Bahn von Berlin durch Brandenburg“ aus dem Kopass Verlag. Die hier beschriebene Viertagestour „Durch den Norden Brandenburgs“ erweiterte ich mal eben noch um ein Teilstück des Treidelradweges und war mir sicher das auch in drei Tagen zu schaffen. Und wenn nicht. Alle Paar Kilometer gibt es nen Bahnhof um schnell nach Hause zu kommen. Da wird es mit Sicherheit auch recht ruhig sein. Also am Abend noch schnell die Tourenplanung am PC gemacht und das GPS gefüttert. Karten zusammen gesucht sowie die Taschen gepackt. Immer wieder das selbe. Egal ob man zwei Tage oder zwei Wochen auf Tour ist. Das Gepäck ist das gleiche. Und wenn man Zelt- und Kochausrüstung mitnimmt, dann sind die Taschen schnell gefüllt. Aber dann kommt der Samstag und es kann losgehen. Irgendwie verrödele ich mich aber wieder mal und muss den Zug eine Stunde später nehmen. Start der Radtour ist Eberswalde. Ich folge dem schönen Treidelweg in Richtung Oranienburg, bis nach Zerpenschleuse. Schon hier fällt mir auf, daß erstaunlich (und erfreulich) wenig Leute unterwegs sind. Nach Zerpenschleuse verlasse ich den Treidelweg und fahre, zum größten Teil auf Waldwegen, nach Groß Schönebeck. Hier habe ich schon reichlich mit den typisch märkischen Sandwegen zu kämpfen. Mit den schmalen Reifen ist es ein echter Kraftakt hier durchzukommen. Teilweise hilft nur noch schieben. Ich durchfahre kleine Dörfchen und Groß Schönebeck. Immer wieder schimmert aus dem Wald das Blau eines der vielen Seen. Hier könnte man eine wahre Badetour machen. Aber obwohl mir die strahlende Sonne den Schweiß auf die Stirn treibt, zieht es mich weiter. In Groß Väter mache ich dann Mittagsrast, am Gasthaus zur Eiche. Typisch Ostdeutsch, Brandenburgische, einfache Atmosphäre. Da trabt der eine im Bademantel über die Straße (nicht ohne Bierbauch natürlich). Und lässt sich bei seinen „Kumpels“ am Tisch nieder. Verkündet mal eben er habe Geburtstag und schmeißt eine Runde. Nur wenig später taucht ein Drahthaardackel nebst Frauchen auf. Beide werden mit viel Hallo von der Geburtstagsrunde empfangen und ich erfahre das der Dackel Amadeus heißt. Ich wundere mich schon ein wenig über die Namensgebung. Immerhin lassen Habitus und Nase des Frauchens vermuten, daß diese eher den hochgeistigen Getränken als den schöngeistigen Ohrenfreuden klassischer Musik zugänglich ist (ja,ja ich weiß, bösartige Unterstellung). Ich mache mich dann aber nach Schnitzel und zwei Radlern doch wieder auf den Weg. Auf den letzten knapp 20 Kilometern bis Templin wechseln sich immer wieder Sand-, Wald- und Asphaltwege ab. Mein Zelt schlage ich dann auf dem Naturcampingplatz Fährsee auf. Und werde prompt von Mücken geradezu überfallen. Da verzichte ich lieber auf das kochen und genieße Soljanka, Salat und Hefeweizen auf der Terrasse des Hotel Fährkrug. Hab ich mir verdient 🙂 Immerhin 70 km mit dem Winterspeck auf anstrengenden Wegen. Morgen dann eine etwas kürzere Etappe über Lychen, Himmelpfort, Fürstenberg nach Alt Globsow. Allerdings wird der größte Teil der Strecke auf Waldwegen und somit viel Sand zu fahren sein. Was solls. Wird schon schön werden. Allein die vielen schönen Blcke auf die Brandenburgische Landschaft entschädigen für die Anstrengung.

Ahrntalrunde (Südtirol)

Tag 1

Nach einer erstaunlich kurzen Fahrt (immerhin nur 8 1/2 Stunden von Berlin) trafen wir nun endlich in St.Jakob ein. Auf den letzten 150km hat sich der Himmel zunehmend bezogen und es setzte ein unangenehmer Sprühregen ein. So hatten wir natürlich keine Lust darauf, sofort loszulaufen und uns nasse Klamotten zu holen. Noch viel weniger da wir doch so überaus herzlich von Familie Lechner auf dem Voppichlhof empfangen wurden (siehe Bild, Begrüssungskarte auf dem Zimmer). Und so beschlossen wir noch eine Nacht in der gemütlichen Ferienwohnung zu verbringen. Nach einem urgemütlichen Abend mit unseren Gastgebern und deren Streichelzoo (siehe Bild, Ralf mit Kätzchen) hoffen wir nun endlich unseren wohlverdienten Schlaf zu finden. Für Morgen und die folgenden Tage verspricht der Wetterbericht eine deutliche Besserung. Aber da in den oberen Bereichen schon recht viel Schnee liegt, müssen wir unsere Tourenplanung von Tag zu Tag neu festlegen. Das verspricht also auf jeden Fall Interessant zu werden.

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Das „dreckige Dutzend“ – auf Hochtour an der Monte Rosa

Text: Dirk Neuheisel

Da saßen wir nun in Randa auf dem Zeltplatz und waren auf der Suche nach etwas kühlendem Schatten. Die Hitze (30° C) lähmte alle Aktivitäten. Selbst das Packen der Rucksäcke wurde bis kurz vor das Einnachten verschoben. Derweil bestimmten Fragen wie Wetter? Nullgradgrenze? Biwak? Gewitter? Unser träges Denken.
Von der Vorfreude auf die nächsten Tage getrieben, rödelten wir unsere Ausrüstung dann doch noch in der prallen Sonne zusammen. Ergebnis: Rucksäcke 15 – 18kg schwer. Somit stand unserem Vorhaben 4.000er zu sammeln nichts mehr im Weg.
Eine unruhige Nacht folgte, dann durften wir endlich loslaufen. Nach dem üblichen „Schaulaufen“ durch Zermatt lenkten wir unsere Schritte in Richtung Gandegghütte (3.029 m). 5½ h und 1.600 hm später erlaubten wir uns nach diesem „Eingehtag“ ein dickes Stück Schokoladenkuchen.
Endlich Eis!!! Am nächsten Tag zogen wir unsere Steigeisen an. Welch ein beruhigendes, knirschendes Geräusch, wenn sich die Zacken ins Eis graben. Wir genossen es … bis wir zum Sommerskigebiet am Theodulpass kamen! Dort war Ski-Training angesagt – und wir drei Bergsteiger inmitten dieser Vollgasrowdys. Wir fanden einen Weg durch die Menschenmengen auf Ski und erreichten in der Mittagshitze das Breithornplateau (3.831 m). Dort kam uns die Perlenschnur der Bergsteiger entgegen, die von Zermatt aus mit der Seilbahn bis hier oben gefahren waren. Wir überstanden die letzten 350 Hm doch noch mit dem guten Gewissen nicht gemogelt, sondern das Breithorn (4.135 m) by fair means bestiegen zu haben. Am Gipfel waren wir infolge der späten Stunde alleine. Nicht ganz … das alltägliche Nachmittagsgewitter saß uns schon im Nacken. So, das war dann mal die Nr. 1!
Leichter Schneefall, Wind, Hitze und aufgeweichter knietiefer Schnee begleiteten uns auf dem Weg zum Bivacco Rossi Volante (3.750 m). Ein Platz mit herrlicher Aussicht, auf einer Felsnase ca. 150 m über dem Gletscher schwebend. Brauchbarer Schnee zum schmelzen konnte nach 5 min. kurzweiliger Kletterei erreicht werden („Don’t eat yellow snow!“).
Die Vorteile einer voll belegten Biwakschachtel liegen auf der Hand: Es wird nie langweilig, weil immer irgendetwas fehlt und unbedingt gesucht werden muss, und: bedingt durch die eher kleinen Ausmaße einer derartigen Unterkunft, wird es mit Sicherheit nicht kalt.
Nach einer erstaunlicherweise durchgeschlafenen Nacht stand der Pollux (4.090 m) auf dem Plan. Eine Kletterei bis zum III. Grad und abschließenden Firngrat bis zum Gipfel. So … Nr. 2 auch in der Tasche.
Der Abstieg gestaltete sich dann als „haarsträubende“ Angelegenheit. Mittlerweile hatte sich die Luft dermaßen elektrisch aufgeladen, dass wir den gesamten Grat entlang von Surren und Summen begleitet wurden. Ein Abstieg an einem gigantischen Blitzableiter! Einen Teil des folgenden Gewitters durften wir dann doch noch auskosten. Bei Schneefall, Regen, Wind und Sicht unter 20 m erreichten das Rifugio Guided’Ayas (3.300 m).
Der Castor (4.220 m), war unser nächstes Ziel.
Bei eher unentschiedenem Wetter stiegen wir in die Westflanke ein. Nach luftiger Überwindung des Bergschrundes folgte eine Steilstufe mit Blankeis, welche auf den sehr ausgesetzten Gipfelgrat leitete. So balancierten wir auf dem etwa einen Fuß breiten Firn-First dem höchsten Punkt entgegen. Gipfelfoto und kurze Rast, dann trieb uns der Wind von unserem 3. 4.000er hinunter.
Beim abendlichen Regenerieren mit Pasta und Rotwein auf dem Rifugio Quentino Sella (3.585 m) erfuhren wir durch aufgeschnappte englische und italienische Sprachfetzen von „längeren Passagen mit Blankeis“, „nur mit Eisschrauben sicherbar“ und „tiefem Schnee ab Mittag“ von den Verhältnissen am Lykamm. Nach kurzer Überlegung kamen wir zu der Entscheidung, dass eine Überschreitung des Lyskamms bei diesen Verhältnissen für uns weniger in Betracht kam.
Da der Wetterbericht für den nächsten Tag sehr unbestimmt war, wollten wir wenigstens den Westgipfel des Lyskamms wagen. Die Nacht war klar, aber nicht kalt und ermöglichte einen Blick auf die Lichter von Mailand. Gigantisch!
Nach einer kurzen „Wetterschau“ um 5.00 Uhr morgens entschieden wir uns dazu einen Ruhetag einzulegen. Einige geführte Seilschaften brachen trotzdem in Richtung Castor auf. Nach 3 h waren alle wieder auf der Hütte. Wie sagte einmal ein schweizer Bergführer auf die Frage wie das Wetter wird: „Wennd’st das Wetter nicht kennst, brauchst nicht in die Berg zu gehen!“ Soviel dazu…!
Um unsere „Spaghetti-Runde“ zu vollenden mussten wir nun über den Passo del Naso (4.150 m) zum Balmenhorn (4.167 m) gehen. Uns schlossen sich zwei Slowenen an. Nach dem Schneefall vom Vortag durften wir unsere eigene Spur legen (YIEPPEIH!! J J). Vor dem Passo lag ein Firnhang mit 40°-45° Neigung. Genussvolles, wenn auch ermüdendes Spuren. Der Kommentar von Volker zu Tina über Dirks D-Zug Tempo: „Der Hund spurt und ist immer noch schneller als ich!“
Nach dem Passo stellte sich die Frage: Und wie runter? Dirk liebäugelte schon mit einer zerschrundenen Steileis-Flanke mit blanken Stellen. Tina, Volker und die Slowenen mit einem bezeichneten Abstieg über eine Schuttrippe. Letzteres war eine gute Wahl! Nun noch zum Bivacco Giordano auf dem Balmenhorn. Das war denn der 4. auf unserer Liste.
Das Bivacco war schon voll L! Nach Absprachen mit Händen und Füßen einigte man sich, dass wir und die Slowenen auf dem Fußboden schlafen werden. Es kam wie es kommen musste: Bei einer 11er Belegung in einer 6er Biwakschachtel war dort bald Saunatemperatur erreicht. Im Laufe der Nacht stießen noch zwei Italiener zu uns. Nach einer Pasta-Mahlzeit entledigten sich beide dieser wieder. Ein Beispiel von Überanstrengung, Dehydrierung und mangelnder Akklimatisation. Nach einer unruhigen Nacht mit mehreren lautstarken Störungen durch die beiden „Nachzügler“, zogen wir gegen 5.00 Uhr los um den Sonnenaufgang auf der Vincentpyramide (4.215 m) zu erleben. Nr. 5 abgehakt! Sonnenaufgang auf dem Gipfel! Ein Traum!
Nach einem kleinen Frühstück mit frischen Äpfeln, welche uns die Slowenen als Dankeschön für unsere Spurarbeit gegeben haben, fröhnten wir wieder dem munteren 4.000er sammeln. Den Roccia Nera ließen wir rechts liegen, es folgten aber Ludwigshöhe (4.272 m), Parrotspitze (4.436 m) und die Signalkuppe (4.554 m). Das waren dann Nr. 6, Nr. 7 und Nr.8. Auf der Signalkuppe steht die höchste Hütte der Alpen, die Cabane Margherita. Ein sehr schöner, gut ausgestatteter 3stöckiger Holzbau mit Toiletten auf dem Gang!
Morgens 5.00 Uhr: 20 m Sicht, Sturm, aber +2°C. Wir zogen alles an, was wir dabei hatten, da es durch den starken Wind sehr kalt war. Die Zumsteinspitze (4.580 m) war bald erreicht, die Nr. 9. Die Sicht besserte sich ein wenig, der Wind blieb. Der Weiterweg führte über einen messerscharfen Firngrat und kombiniertes IIer Gelände in den Grenzsattel (4.452 m).
Hier zeichnete sich die Wächtenabbruchkante als feiner Riss ab. Eine Erinnerung zur Wachsamkeit!
Eine italienische Seilschaft kehrte hier mit den Worten um: „Zu kalt…“ (der Bergführer stellte nach einem fachmännischen Blick auf sein Thermometer angebliche – 13°C fest!).
Der letzte Anstieg zur Dofour-Spitze weist sowohl mehrere Stellen um den III. Grad auf, als auch kombiniertes Gelände. Genau das richtige für uns! Nebenbei nahmen wir noch den Grenzgipfel (4.615 m) und den Ostgradgipfel (4.640 m) als Nr. 10 und Nr. 11 in unsere Sammlung mit auf. Nach weiteren sehr luftigen Hangelkanten und Balanceakten erreichten wir endlich das Ziel unserer Spaghetti-Runde, unsere Nr. 12, die Dofourspitze (4.656 m), zweithöchster Gipfel der Alpen.
Als Abstieg nahmen wir die neu angebrachten Fixseile in den Silbersattel hinunter zur Hilfe. Ein wenig Eisschlag begleitete uns.
Die Option für das Nordend nahmen wir wegen des Windes und der doch vorangeschrittenen Zeit nicht wahr, denn vor uns lag noch der weite Abstieg zur Monte Rosa Hütte durch immer tiefer werdenden Schnee. Zum Glück hielten alle Schneebrücken über den gigantischen Spalten.
Müde aber überaus zufrieden an der Hütte angekommen genossen wir die letzten wärmenden Sonnenstrahlen.

D. Neuheisel / M. Vögele

 

Nachtrag 09.11.2017:

Im " Bergzeit Magazin " ist gerade ein toller Artikel über diese Tour erschienen, welcher noch viel mehr Infos und Bilder enthält. Vor allem wird hier auf die aktuellen Bedingungen, welche sich ja in den letzten Jahren doch sehr geändert haben, eingegangen.

Teil I ist hier zu finden:

Spaghettirunde Teil I: Über Breithorn, Pollux und Castor zum Rifugio Quintino Sella

 

Von Wegen über die Alpen..

Der lange Marsch vom Bodensee zum Gardasee

Text: Ralf Brehl

Verrückte Ideen und Fantasien hat jeder einmal. Die meisten landen im gedanklichen Papierkorb. Diese Idee aber nicht und so sollten die Alpen zu Fuß vom Bodensee zum Gardasee überquert werden. Daraus wurde eine neue Entdeckung des Gebirges vor unserer Haustür. Erlebnisreich, anstrengend und mit einem aufdringlichen Begleiter: dem Regen.

Über mir ist der Himmel azurblau und die sauberen weißen Wölkchen strahlen mit der Sonne um die Wette. Im provozierenden Gegensatz dazu hänge ich verschwitzt und dreckig in einem sofaähnlichen Stuhl vor einem Ristorante und schlecke ein Eis. Vor mir breitet sich ein kitschig schönes Postkartenbild des Gardasees aus und um mich herum gibt es noch viel schönere Menschen. Der rechte Ort der Muße also, um zum Beispiel Vorsätze zu fassen wie diesen: Nie wieder so eine verrückte Idee,wie eine Alpenüberquerung! Wenn ich zukünftig den grauen Alltag mit einem schillernden bergsteigerischen Farbklecks aufhellen möchte und eine faszinierende Idee habe, schreibe ich sie auf Papier, zerknülle es und ab in den Papierkorb.

„Signore, scusi, woher kommen Sie?“ Der Ober mit dem frisch gebügelten weißen Hemd schaut mich mit offensichtlich mühsam unterdrücktem Missfallen an, als erwarte er zur Antwort, unter welcher Brücke ich die letzte Nacht zugebracht hätte. „Lago di Constanza“ versuche ich mit gespielter Gelassenheit wie so nebenbei fallen zu lassen, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. „Ähh, scusi…?“ Ich erhöhe den Ungläubigkeitsfaktor in seinen Augen: “Zu Fuß vom Bodensee, 400 Kilometer in 18 Tagen!“ Recht hat er ja mit seiner zweifelnden Verblüffung. Zu Fuß zum Gardasee? Um Erkenntnisse für Vorsätze zu gewinnen?

Mit dem Lineal über die Alpen

In meinem Arbeitszimmer fängt alles an. Seit Jahren hängt an der Wand ein Riesenposter, ein Panoramarelief des gesamten Alpenbogens. Ideengeber und Planungsskizze für unzählige Zielbestimmungen: Highlights in Berggruppen und diversen Gipfeln. Im Laufe der Jahre vervollständigt sich das Mosaik des Gebirges im Herzen Europas. Was fehlt, ist eine Zusammenfassung der Mosaiksteinchen, um ein Gesamtbild zu erhalten. Eine ganzheitliche Annäherung an die unterschiedlichen Landschaften, Regionen, Berge, Kulturen und Menschen. Das Alpenrelief fordert geradezu nach einer Überquerung und lässt mir trotz meiner Zweifel keine Chance. Aber wie? München – Venedig? Auf schon vorhandenen Fernwanderwegen? Ist in diversen Katalogen von Reiseveranstaltern enthalten und buchbar! Es fehlt der Reiz des Neuen. Dann ist es klar und die Linie logisch, wie mit einem Lineal gezogen: Vom Bodensee zum Gardasee, zu Fuß und auf zusammengestückelten Wanderwegen. Die neue Entdeckung des Gebirges zwischen den zwei großen Seen an seinen Rändern:

Acht Gebirgsgruppen, die vier Länder Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien, 400 Kilometer auf sieben Wanderkarten. Perfekt!

Große Überredungskünste bedarf es nicht und mein Freund Manfred ist als Partner dabei. Die langen Tage Ende Juli/Anfang August scheinen uns am besten geeignet – vermeintlich eine stabile Schönwetterzeit. Diese Einschätzung stellt sich nur in einem Punkt als zutreffend heraus: Stabil wird das Wetter, aber anders als wir hofften: Ergiebige Niederschlägen im gesamten Alpenraum erschweren unsere Tour.

Durch Schlamm und Kuhfladen

Folgerichtig geht es an einem verregneten Tag am Bodensee in Lindau los. Für den Fall, dass wir keine passende Hütte finden, haben wir in unsere Zwölfkilorucksäcke noch ein kleines Mini-Einpersonen-Zelt, Schlafsack und Matte hineingestopft. Motto: Entweder wird die Freundschaft vertieft oder es ist halt keine. Am ersten Tag haben wir schon unser erstes Erfolgserlebnis: Wir überqueren die deutsch-österreichische Grenze. Die folgenden drei Tage im Bregenzer Wald begleiten uns Nebel, Regen und die unvermeidlichen multinationalen Kühe mit ihrer Art des vertiefenden Wegebaus. In einer Soße aus schmierigem Lehm und Kuhfladen bewegen wir uns durch wald- und wiesenreiches Gelände. Unsere Schuhe und Hosen haben bald eine natürliche Imprägnierungsschicht. In der Stille des wabernden Nebels ist das Schmatzen der Schuhe im Schlamm oft stundenlang das einzige Geräusch. Wir pendeln uns so langsam ein auf täglich durchschnittlich 1500 Metern bergauf und 1500 bergab, 25 Kilometer Gehstrecke und 8 ¾ Stunden reine Gehzeit. „Wo wollt ihr denn hin?“ ist die oft gehörte Frage, die uns während der Tour begleiten soll und allmählich durch die Frage nach dem Woher abgelöst wird. Unsere Antwort ist oftmals der Schlüssel zum Herzen der Menschen und zu ihrer Hilfsbereitschaft. Ob aus Bewunderung oder Mitleid wissen wir nicht…

Bollwerke gegen Wanderer

Schnell lassen wir Damüls mit seinen vielen, im Sommer leer stehenden, Hotels hinter uns. Das sanft hügelige Landschaftsbild wird langsam „bergiger“, die intensive Almwirtschaft bleibt. In einem Tag geht`s quer durch`s Lechquellengebirge, hinunter nach Klösterle am Arlberg und schon sind wir in der Verwallgruppe. Die nördlichen Kalkalpen liegen nun hinter uns und wir bewegen uns fortan auf schieferigem Gneis. Das ständige Auf und Ab kostet Kraft. Warum überqueren wir nicht lieber den Himalaya, der im hoch“alpinen“ Bereich meist weniger als 100 Kilometer Breite misst und „bequeme“ Durchbruchtäler hat? Die Alpen dagegen sind auf unserer Wegstrecke über 200 Kilometer breit, mit Bergkämmen, die sich wie Bollwerke dem Wanderer entgegenstellen. Zudem spielt jetzt das Wetter Katz und Maus mit uns. Beginnt der Tag meist mit Sonnenschein, gibt es zum Nachmittag kräftige Erfrischungsduschen. Nach einigen engen und feuchten Zeltübernachtungen kriechen wir deshalb am fünften Tag bei Dauerregen zur Abwechslung in einer Alm unter. Unsere Antwort auf die Frage „Wo wollt ihr denn hin?“ hat einen reich gedeckten Tisch mit allerlei Leckereien und eine warme Dusche zur Folge. Danach sinken wir müde und dankbar in trockene Betten.

Kleines Essen – großer Preis

Weiter geht`s hinunter ins Paznauntal. In Galtür mit seinen neuen martialisch anmutenden Lawinenverbauungen stehen wir am Eingang zur Silvretta. Auf der Jamtalhütte erwartet uns genau das Gegenteil zu der gemütlichen Alm in der vergangenen Nacht. Eine „Hütte“ in über 2000 Meter Höhe mit Hotelcharakter, an deren Eingang uns zu unserer Überraschung ein himmelblauer Softeisautomat erwartet. Dankbar für das Dach über dem Kopf sind wir dennoch, können wir unser noch klatschnasses Zelt wieder eingepackt lassen. Der übliche nachmittägliche Dauerregen trägt sehr zu dieser pragmatischen Lösung bei.

Am nächsten Tag geht es hoch zum Futschöl-Pass auf 2768 Meter. Er ist weit und breit der einzige gletscherfreie Übergang in die Schweiz. Gehen, gehen, gehen, Kilometer um Kilometer „fressen“ wir in uns hinein. Eine Woche sind wir jetzt schon ununterbrochen unterwegs. Beine und Füße gehorchen automatisch. Spüren wir sie überhaupt noch? Manfreds Knie bringen sich schon mal mit warnenden Schmerzen in Erinnerung. Nach dem Pass geht es weit und lang hinunter ins Unterengadiner Inntal und wir machen unsere ersten Erfahrungen mit der teuren Schweiz. Ist es der heutige Nationalfeiertag oder sind es die hier üblichen Preise? Hungrig und durstig bestellen wir mittags in dem einzigen geöffneten Gasthof des kleinen schmucken Örtchens Ardez in froher Erwartung jeder einen großen Salatteller, eine große Graupensuppe und zwei große gespritzte Apfelsäfte. Wir bekommen tatsächlich einen großen Teller aber mit einem klitzekleinen Salat, der sich auf dem Tellermittelpunkt verliert und ein Spucknäpfchen Graupensüppchen. Danach bekommen wir aber wenigsten eine wirklich große Rechnung: 64 Franken (ca. 40 Euro). Als finanziellen Ausgleich landen wir am Abend – wieder wegen des Regens – in einem Kuhstall, in dem wir es uns „gemütlich“ machen.

Aufstieg, Abstieg, rauf und runter. Jeden Tag tut jetzt etwas anderes weh. Mal bildet sich aus unerfindlichen Gründen an einem Zeh urplötzlich eine Blase, mal drückt die Schulter, mal schmerzt tagelang ein Hacken und bei Manfred abwechselnd das linke oder rechte Knie. Die Landschaft entschädigt und die Schweiz verabschiedet sich kurz nach dem Ofenpass mit einem zauberhaften Blicken zurück ins Reich von Heidi. Wir erreichen das in Italien liegende Veltlin.

Italienisches Puzzle

Am mittlerweile 10.Tag müssen wir am oberhalb von Bormio liegenden Lago di San Giacomo einen Ruhetag einlegen und Manfred versucht, sein Knie zu besänftigen. Leider erfolglos. Nach gut 200 Kilometern trennen sich unsere Wege. Manfred macht sich per Bus und Bahn auf den Weg zurück zu unserem Auto in Lindau. Ich will trotzdem versuchen, den Gardasee zu erreichen und packe das Zelt und alles Überflüssige aus. Nun bin ich auf feste Übernachtungsmöglichkeiten angewiesen, aber deutlich schneller. Eine filmreife Abschiedsszene und nach der nächsten Biegung liegt nun die zweite Hälfte der Tour vor mir und ich bin allein. Als ob ich mir die Traurigkeit und den mitfühlenden Frust über Manfreds unfreiwillige Aufgabe aus dem Leib rennen will, spurte ich los. Ich bin erstaunt. Waren die zersiedelten Täler in Österreich fast ausschließlich vom Tourismus geprägt und die Orte in der Schweiz klein und fein, ändert sich das Gesicht der Dörfer in Italien abrupt. Kleine graue, schiefergedeckte Steinhäuser, und einfache, ärmliche Dorfstrukturen lassen auf den beschwerlichen Alltag der Bewohner schließen. Ziemlich erschöpft erreiche ich den nüchternen Ort Sondalo und finde in einem einfachen Gasthaus mein Nachtquartier.

Die folgenden Tage werden ein Puzzlespiel der Wegführung, wie so oft in Italien während der Tour. Beispiel: Die Ahnung einer Trampelspur zum Klohäuschen eines eingefallenen Bauernhauses entpuppt sich als der Einstieg zu „meinem“ Weg. Entgegen meiner Karte weder markiert, noch beschildert, geschweige denn begangen. Durch Gestrüpp behindert oder weglos bin ich darauf angewiesen, mich von meinen Intuitionen und Erfahrungen leiten zu lassen, um mein Ziel zu erreichen. Mehrmals gebe ich mich einfach den Zufall hin und vertraue meinem Glück, welches mich überraschenderweise auch nicht im Stich lässt.

Irrwege im Granit

Mein nächstes Ziel ist die wundersame Granitwelt der Adamellogruppe. Ich hatte schon viel gehört von diesen Bergen, die für deutsche Bergsteiger doch relativ unbekannt und weit entfernt sind. Ich bin gespannt. Doch auch hier macht mir die eigenwillige oder auch nicht vorhandene Wegführung einen Strich durch die Rechnung. Meine angespannte Motivation und mein Optimismus bekommen einen empfindlichen Dämpfer. An einem der wenigen Schönwettertage der Tour werde ich auf einen ungewollten Rundkurs geschickt. Der Tag beginnt am Rifugio Aviolo und endet zum Erstaunen der Wirtsleute für mich auch wieder dort. Mein nach der Karte geplanter Weg verliert sich nach anstrengenden 1000 Höhenmetern in einem Schotterbachbett im Nichts. Eine Alternative zu einem erhofften Passübergang entpuppt sich als Rundweg von und zur Hütte. Danach glaube ich meiner Karte nichts mehr und vergleiche sie zukünftig penibel mit den in den Hütten hängenden, meist zutreffenden, italienischen Karten.

So kann ich den nächsten Tag gehen und schauen ohne zu suchen. Natürliche Kletterwände an herrlich festem Gestein mit logischen Routen hinauf und fließende, stürzende Wasser herab aus den Gletscher- und Schneeregionen des Adamello- Zentralbereichs begleiten mich. Dazu eine Vielfalt an Pflanzen und Blumen – ein wahres Bergparadies.

Meditation im Regen

Ist das Wetter bisher schon bescheiden gewesen, so wird’s jetzt zunehmend wirklich kritisch. Die Berge verhüllen sich im Grau und der Himmel weint von nun an tagelang ununterbrochen. Ich stehe vor der Gewissensentscheidung: Abwettern oder ignorieren? Egal – ich will`s hinter mich bringen. Nicht der Weg ist jetzt das Ziel, sondern das Ziel selbst. Der Gardasee wartet und danach kann ich endlich die Beine hoch legen. Oben auf den fast 3000 Meter hohen Pässen liegt Neuschnee. Dank GoreTex bin ich erst nach zwei Stunden klatschnass – toll! Vorsichtig auf dem nassen Granit balancierend hoch, runter, hoch, runter. Alleine unterwegs sein, bedeutet jetzt erst recht: keinen Fehler machen, hochkonzentriertes Gehen ist angesagt! Zweifel bestimmen meine Gedanken: Ist bei dem Wetter der Gardasee noch zu erreichen? Regen, Graupel, Schnee. Am 16.Tag ändere ich meine Planung, verzichte auf weitere hohe Pässe und wähle zur Sicherheit eine Straße hinab ins nächste Tal und hinaus aus dem Hochgebirge des Adamello. Endloser Asphalt zieht sich von einem Staudamm dutzende von Kilometern kaum merklich 1000 Höhenmeter hinab. Der Regen trommelt ununterbrochen auf meine Regenkleidung, in die ich meditativ versinke und gehe und gehe und gehe …

In Bersone finde ich sehr beschwerlich ein Hotelzimmer, wo ich mich und alle meine Sachen endlich einmal trocknen kann. Ganz Italien ist im August in Urlaub, trotz Regen! So wie ich jetzt aussehe, würde ich mir allerdings auch keine Unterkunft mehr geben. Meine Hoffnung: Am Übergang zu den Gardaseebergen habe ich hier noch eine kleine Chance, die Tour fortsetzen zu können. Ängstliche Blicke zum Himmel. Ich brauche eigentlich nur noch zwei Tage, dann bin ich durch! Aber sintflutartige Regenfälle zwingen mir einen Tag Pause ab. Sollte ich so kurz vor dem Ziel scheitern?

Endlich am Gardasee

Am nächsten Morgen glaube ich an Wunder: Kaiserwetter! Der blankgeputzte Himmel strahlt mit der Sonne um die Wette. Los, los nur keine Zeit verlieren. Wie mit Siebenmeilenstiefeln eile ich durch die Landschaft und tauche ein in die lieblichen Gefilde der Gardaseeberge. Warme mediterrane Seidenluft und üppiges Grün empfangen mich. Die letzten 2000 Höhenmeter hinauf und 3000 Höhenmeter hinunter fliege ich. Keine Sekunde dieses schönen Wetters will ich ungenutzt lassen und entscheide mich für einen letzten Ein-Tages-Gewaltmarsch.

Nach insgesamt 18 Tagen erreiche ich total erschöpft endlich mein Ziel Riva und schicke das Plätschern des Gardasees durch mein Handy nach Hause. Schade, dass ich meine Freude nun nicht mit Manfred teilen kann. So muss ich allein den Vorsatz fassen: In Zukunft landen alle zweifelhaften berg- oder wandermäßigen Ideen sofort im Papierkorb!

Na ja, vielleicht doch nicht alle …

Für Statistiker:

400 Kilometer,
140 Stunden reine Gehzeit,
über 24.000 Meter
jeweils im Auf- und Abstieg,
16 Tourentage
(18 Tage gesamt, 2 Regentage),
Verschleiß von ein Paar Schuhen und
Verlust von 6 Kilogramm Körpergewicht

Durchschnittlich je Tourentag:

25 Kilometer,
8 ¾ Stunden Gehzeit,
1500 Meter jeweils im Auf- und Abstieg,
3 Liter Wasser, 2 Liter Apfelschorle und
? Liter Bier oder Rotwein