Tag Archives: Italien

Ahrntalrunde (Südtirol)

Tag 1

Nach einer erstaunlich kurzen Fahrt (immerhin nur 8 1/2 Stunden von Berlin) trafen wir nun endlich in St.Jakob ein. Auf den letzten 150km hat sich der Himmel zunehmend bezogen und es setzte ein unangenehmer Sprühregen ein. So hatten wir natürlich keine Lust darauf, sofort loszulaufen und uns nasse Klamotten zu holen. Noch viel weniger da wir doch so überaus herzlich von Familie Lechner auf dem Voppichlhof empfangen wurden (siehe Bild, Begrüssungskarte auf dem Zimmer). Und so beschlossen wir noch eine Nacht in der gemütlichen Ferienwohnung zu verbringen. Nach einem urgemütlichen Abend mit unseren Gastgebern und deren Streichelzoo (siehe Bild, Ralf mit Kätzchen) hoffen wir nun endlich unseren wohlverdienten Schlaf zu finden. Für Morgen und die folgenden Tage verspricht der Wetterbericht eine deutliche Besserung. Aber da in den oberen Bereichen schon recht viel Schnee liegt, müssen wir unsere Tourenplanung von Tag zu Tag neu festlegen. Das verspricht also auf jeden Fall Interessant zu werden.

Read more »

Das „dreckige Dutzend“ – auf Hochtour an der Monte Rosa

Text: Dirk Neuheisel

Da saßen wir nun in Randa auf dem Zeltplatz und waren auf der Suche nach etwas kühlendem Schatten. Die Hitze (30° C) lähmte alle Aktivitäten. Selbst das Packen der Rucksäcke wurde bis kurz vor das Einnachten verschoben. Derweil bestimmten Fragen wie Wetter? Nullgradgrenze? Biwak? Gewitter? Unser träges Denken.
Von der Vorfreude auf die nächsten Tage getrieben, rödelten wir unsere Ausrüstung dann doch noch in der prallen Sonne zusammen. Ergebnis: Rucksäcke 15 – 18kg schwer. Somit stand unserem Vorhaben 4.000er zu sammeln nichts mehr im Weg.
Eine unruhige Nacht folgte, dann durften wir endlich loslaufen. Nach dem üblichen „Schaulaufen“ durch Zermatt lenkten wir unsere Schritte in Richtung Gandegghütte (3.029 m). 5½ h und 1.600 hm später erlaubten wir uns nach diesem „Eingehtag“ ein dickes Stück Schokoladenkuchen.
Endlich Eis!!! Am nächsten Tag zogen wir unsere Steigeisen an. Welch ein beruhigendes, knirschendes Geräusch, wenn sich die Zacken ins Eis graben. Wir genossen es … bis wir zum Sommerskigebiet am Theodulpass kamen! Dort war Ski-Training angesagt – und wir drei Bergsteiger inmitten dieser Vollgasrowdys. Wir fanden einen Weg durch die Menschenmengen auf Ski und erreichten in der Mittagshitze das Breithornplateau (3.831 m). Dort kam uns die Perlenschnur der Bergsteiger entgegen, die von Zermatt aus mit der Seilbahn bis hier oben gefahren waren. Wir überstanden die letzten 350 Hm doch noch mit dem guten Gewissen nicht gemogelt, sondern das Breithorn (4.135 m) by fair means bestiegen zu haben. Am Gipfel waren wir infolge der späten Stunde alleine. Nicht ganz … das alltägliche Nachmittagsgewitter saß uns schon im Nacken. So, das war dann mal die Nr. 1!
Leichter Schneefall, Wind, Hitze und aufgeweichter knietiefer Schnee begleiteten uns auf dem Weg zum Bivacco Rossi Volante (3.750 m). Ein Platz mit herrlicher Aussicht, auf einer Felsnase ca. 150 m über dem Gletscher schwebend. Brauchbarer Schnee zum schmelzen konnte nach 5 min. kurzweiliger Kletterei erreicht werden („Don’t eat yellow snow!“).
Die Vorteile einer voll belegten Biwakschachtel liegen auf der Hand: Es wird nie langweilig, weil immer irgendetwas fehlt und unbedingt gesucht werden muss, und: bedingt durch die eher kleinen Ausmaße einer derartigen Unterkunft, wird es mit Sicherheit nicht kalt.
Nach einer erstaunlicherweise durchgeschlafenen Nacht stand der Pollux (4.090 m) auf dem Plan. Eine Kletterei bis zum III. Grad und abschließenden Firngrat bis zum Gipfel. So … Nr. 2 auch in der Tasche.
Der Abstieg gestaltete sich dann als „haarsträubende“ Angelegenheit. Mittlerweile hatte sich die Luft dermaßen elektrisch aufgeladen, dass wir den gesamten Grat entlang von Surren und Summen begleitet wurden. Ein Abstieg an einem gigantischen Blitzableiter! Einen Teil des folgenden Gewitters durften wir dann doch noch auskosten. Bei Schneefall, Regen, Wind und Sicht unter 20 m erreichten das Rifugio Guided’Ayas (3.300 m).
Der Castor (4.220 m), war unser nächstes Ziel.
Bei eher unentschiedenem Wetter stiegen wir in die Westflanke ein. Nach luftiger Überwindung des Bergschrundes folgte eine Steilstufe mit Blankeis, welche auf den sehr ausgesetzten Gipfelgrat leitete. So balancierten wir auf dem etwa einen Fuß breiten Firn-First dem höchsten Punkt entgegen. Gipfelfoto und kurze Rast, dann trieb uns der Wind von unserem 3. 4.000er hinunter.
Beim abendlichen Regenerieren mit Pasta und Rotwein auf dem Rifugio Quentino Sella (3.585 m) erfuhren wir durch aufgeschnappte englische und italienische Sprachfetzen von „längeren Passagen mit Blankeis“, „nur mit Eisschrauben sicherbar“ und „tiefem Schnee ab Mittag“ von den Verhältnissen am Lykamm. Nach kurzer Überlegung kamen wir zu der Entscheidung, dass eine Überschreitung des Lyskamms bei diesen Verhältnissen für uns weniger in Betracht kam.
Da der Wetterbericht für den nächsten Tag sehr unbestimmt war, wollten wir wenigstens den Westgipfel des Lyskamms wagen. Die Nacht war klar, aber nicht kalt und ermöglichte einen Blick auf die Lichter von Mailand. Gigantisch!
Nach einer kurzen „Wetterschau“ um 5.00 Uhr morgens entschieden wir uns dazu einen Ruhetag einzulegen. Einige geführte Seilschaften brachen trotzdem in Richtung Castor auf. Nach 3 h waren alle wieder auf der Hütte. Wie sagte einmal ein schweizer Bergführer auf die Frage wie das Wetter wird: „Wennd’st das Wetter nicht kennst, brauchst nicht in die Berg zu gehen!“ Soviel dazu…!
Um unsere „Spaghetti-Runde“ zu vollenden mussten wir nun über den Passo del Naso (4.150 m) zum Balmenhorn (4.167 m) gehen. Uns schlossen sich zwei Slowenen an. Nach dem Schneefall vom Vortag durften wir unsere eigene Spur legen (YIEPPEIH!! J J). Vor dem Passo lag ein Firnhang mit 40°-45° Neigung. Genussvolles, wenn auch ermüdendes Spuren. Der Kommentar von Volker zu Tina über Dirks D-Zug Tempo: „Der Hund spurt und ist immer noch schneller als ich!“
Nach dem Passo stellte sich die Frage: Und wie runter? Dirk liebäugelte schon mit einer zerschrundenen Steileis-Flanke mit blanken Stellen. Tina, Volker und die Slowenen mit einem bezeichneten Abstieg über eine Schuttrippe. Letzteres war eine gute Wahl! Nun noch zum Bivacco Giordano auf dem Balmenhorn. Das war denn der 4. auf unserer Liste.
Das Bivacco war schon voll L! Nach Absprachen mit Händen und Füßen einigte man sich, dass wir und die Slowenen auf dem Fußboden schlafen werden. Es kam wie es kommen musste: Bei einer 11er Belegung in einer 6er Biwakschachtel war dort bald Saunatemperatur erreicht. Im Laufe der Nacht stießen noch zwei Italiener zu uns. Nach einer Pasta-Mahlzeit entledigten sich beide dieser wieder. Ein Beispiel von Überanstrengung, Dehydrierung und mangelnder Akklimatisation. Nach einer unruhigen Nacht mit mehreren lautstarken Störungen durch die beiden „Nachzügler“, zogen wir gegen 5.00 Uhr los um den Sonnenaufgang auf der Vincentpyramide (4.215 m) zu erleben. Nr. 5 abgehakt! Sonnenaufgang auf dem Gipfel! Ein Traum!
Nach einem kleinen Frühstück mit frischen Äpfeln, welche uns die Slowenen als Dankeschön für unsere Spurarbeit gegeben haben, fröhnten wir wieder dem munteren 4.000er sammeln. Den Roccia Nera ließen wir rechts liegen, es folgten aber Ludwigshöhe (4.272 m), Parrotspitze (4.436 m) und die Signalkuppe (4.554 m). Das waren dann Nr. 6, Nr. 7 und Nr.8. Auf der Signalkuppe steht die höchste Hütte der Alpen, die Cabane Margherita. Ein sehr schöner, gut ausgestatteter 3stöckiger Holzbau mit Toiletten auf dem Gang!
Morgens 5.00 Uhr: 20 m Sicht, Sturm, aber +2°C. Wir zogen alles an, was wir dabei hatten, da es durch den starken Wind sehr kalt war. Die Zumsteinspitze (4.580 m) war bald erreicht, die Nr. 9. Die Sicht besserte sich ein wenig, der Wind blieb. Der Weiterweg führte über einen messerscharfen Firngrat und kombiniertes IIer Gelände in den Grenzsattel (4.452 m).
Hier zeichnete sich die Wächtenabbruchkante als feiner Riss ab. Eine Erinnerung zur Wachsamkeit!
Eine italienische Seilschaft kehrte hier mit den Worten um: „Zu kalt…“ (der Bergführer stellte nach einem fachmännischen Blick auf sein Thermometer angebliche – 13°C fest!).
Der letzte Anstieg zur Dofour-Spitze weist sowohl mehrere Stellen um den III. Grad auf, als auch kombiniertes Gelände. Genau das richtige für uns! Nebenbei nahmen wir noch den Grenzgipfel (4.615 m) und den Ostgradgipfel (4.640 m) als Nr. 10 und Nr. 11 in unsere Sammlung mit auf. Nach weiteren sehr luftigen Hangelkanten und Balanceakten erreichten wir endlich das Ziel unserer Spaghetti-Runde, unsere Nr. 12, die Dofourspitze (4.656 m), zweithöchster Gipfel der Alpen.
Als Abstieg nahmen wir die neu angebrachten Fixseile in den Silbersattel hinunter zur Hilfe. Ein wenig Eisschlag begleitete uns.
Die Option für das Nordend nahmen wir wegen des Windes und der doch vorangeschrittenen Zeit nicht wahr, denn vor uns lag noch der weite Abstieg zur Monte Rosa Hütte durch immer tiefer werdenden Schnee. Zum Glück hielten alle Schneebrücken über den gigantischen Spalten.
Müde aber überaus zufrieden an der Hütte angekommen genossen wir die letzten wärmenden Sonnenstrahlen.

D. Neuheisel / M. Vögele

 

Nachtrag 09.11.2017:

Im " Bergzeit Magazin " ist gerade ein toller Artikel über diese Tour erschienen, welcher noch viel mehr Infos und Bilder enthält. Vor allem wird hier auf die aktuellen Bedingungen, welche sich ja in den letzten Jahren doch sehr geändert haben, eingegangen.

Teil I ist hier zu finden:

Spaghettirunde Teil I: Über Breithorn, Pollux und Castor zum Rifugio Quintino Sella

 

Von Wegen über die Alpen..

Der lange Marsch vom Bodensee zum Gardasee

Text: Ralf Brehl

Verrückte Ideen und Fantasien hat jeder einmal. Die meisten landen im gedanklichen Papierkorb. Diese Idee aber nicht und so sollten die Alpen zu Fuß vom Bodensee zum Gardasee überquert werden. Daraus wurde eine neue Entdeckung des Gebirges vor unserer Haustür. Erlebnisreich, anstrengend und mit einem aufdringlichen Begleiter: dem Regen.

Über mir ist der Himmel azurblau und die sauberen weißen Wölkchen strahlen mit der Sonne um die Wette. Im provozierenden Gegensatz dazu hänge ich verschwitzt und dreckig in einem sofaähnlichen Stuhl vor einem Ristorante und schlecke ein Eis. Vor mir breitet sich ein kitschig schönes Postkartenbild des Gardasees aus und um mich herum gibt es noch viel schönere Menschen. Der rechte Ort der Muße also, um zum Beispiel Vorsätze zu fassen wie diesen: Nie wieder so eine verrückte Idee,wie eine Alpenüberquerung! Wenn ich zukünftig den grauen Alltag mit einem schillernden bergsteigerischen Farbklecks aufhellen möchte und eine faszinierende Idee habe, schreibe ich sie auf Papier, zerknülle es und ab in den Papierkorb.

„Signore, scusi, woher kommen Sie?“ Der Ober mit dem frisch gebügelten weißen Hemd schaut mich mit offensichtlich mühsam unterdrücktem Missfallen an, als erwarte er zur Antwort, unter welcher Brücke ich die letzte Nacht zugebracht hätte. „Lago di Constanza“ versuche ich mit gespielter Gelassenheit wie so nebenbei fallen zu lassen, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. „Ähh, scusi…?“ Ich erhöhe den Ungläubigkeitsfaktor in seinen Augen: “Zu Fuß vom Bodensee, 400 Kilometer in 18 Tagen!“ Recht hat er ja mit seiner zweifelnden Verblüffung. Zu Fuß zum Gardasee? Um Erkenntnisse für Vorsätze zu gewinnen?

Mit dem Lineal über die Alpen

In meinem Arbeitszimmer fängt alles an. Seit Jahren hängt an der Wand ein Riesenposter, ein Panoramarelief des gesamten Alpenbogens. Ideengeber und Planungsskizze für unzählige Zielbestimmungen: Highlights in Berggruppen und diversen Gipfeln. Im Laufe der Jahre vervollständigt sich das Mosaik des Gebirges im Herzen Europas. Was fehlt, ist eine Zusammenfassung der Mosaiksteinchen, um ein Gesamtbild zu erhalten. Eine ganzheitliche Annäherung an die unterschiedlichen Landschaften, Regionen, Berge, Kulturen und Menschen. Das Alpenrelief fordert geradezu nach einer Überquerung und lässt mir trotz meiner Zweifel keine Chance. Aber wie? München – Venedig? Auf schon vorhandenen Fernwanderwegen? Ist in diversen Katalogen von Reiseveranstaltern enthalten und buchbar! Es fehlt der Reiz des Neuen. Dann ist es klar und die Linie logisch, wie mit einem Lineal gezogen: Vom Bodensee zum Gardasee, zu Fuß und auf zusammengestückelten Wanderwegen. Die neue Entdeckung des Gebirges zwischen den zwei großen Seen an seinen Rändern:

Acht Gebirgsgruppen, die vier Länder Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien, 400 Kilometer auf sieben Wanderkarten. Perfekt!

Große Überredungskünste bedarf es nicht und mein Freund Manfred ist als Partner dabei. Die langen Tage Ende Juli/Anfang August scheinen uns am besten geeignet – vermeintlich eine stabile Schönwetterzeit. Diese Einschätzung stellt sich nur in einem Punkt als zutreffend heraus: Stabil wird das Wetter, aber anders als wir hofften: Ergiebige Niederschlägen im gesamten Alpenraum erschweren unsere Tour.

Durch Schlamm und Kuhfladen

Folgerichtig geht es an einem verregneten Tag am Bodensee in Lindau los. Für den Fall, dass wir keine passende Hütte finden, haben wir in unsere Zwölfkilorucksäcke noch ein kleines Mini-Einpersonen-Zelt, Schlafsack und Matte hineingestopft. Motto: Entweder wird die Freundschaft vertieft oder es ist halt keine. Am ersten Tag haben wir schon unser erstes Erfolgserlebnis: Wir überqueren die deutsch-österreichische Grenze. Die folgenden drei Tage im Bregenzer Wald begleiten uns Nebel, Regen und die unvermeidlichen multinationalen Kühe mit ihrer Art des vertiefenden Wegebaus. In einer Soße aus schmierigem Lehm und Kuhfladen bewegen wir uns durch wald- und wiesenreiches Gelände. Unsere Schuhe und Hosen haben bald eine natürliche Imprägnierungsschicht. In der Stille des wabernden Nebels ist das Schmatzen der Schuhe im Schlamm oft stundenlang das einzige Geräusch. Wir pendeln uns so langsam ein auf täglich durchschnittlich 1500 Metern bergauf und 1500 bergab, 25 Kilometer Gehstrecke und 8 ¾ Stunden reine Gehzeit. „Wo wollt ihr denn hin?“ ist die oft gehörte Frage, die uns während der Tour begleiten soll und allmählich durch die Frage nach dem Woher abgelöst wird. Unsere Antwort ist oftmals der Schlüssel zum Herzen der Menschen und zu ihrer Hilfsbereitschaft. Ob aus Bewunderung oder Mitleid wissen wir nicht…

Bollwerke gegen Wanderer

Schnell lassen wir Damüls mit seinen vielen, im Sommer leer stehenden, Hotels hinter uns. Das sanft hügelige Landschaftsbild wird langsam „bergiger“, die intensive Almwirtschaft bleibt. In einem Tag geht`s quer durch`s Lechquellengebirge, hinunter nach Klösterle am Arlberg und schon sind wir in der Verwallgruppe. Die nördlichen Kalkalpen liegen nun hinter uns und wir bewegen uns fortan auf schieferigem Gneis. Das ständige Auf und Ab kostet Kraft. Warum überqueren wir nicht lieber den Himalaya, der im hoch“alpinen“ Bereich meist weniger als 100 Kilometer Breite misst und „bequeme“ Durchbruchtäler hat? Die Alpen dagegen sind auf unserer Wegstrecke über 200 Kilometer breit, mit Bergkämmen, die sich wie Bollwerke dem Wanderer entgegenstellen. Zudem spielt jetzt das Wetter Katz und Maus mit uns. Beginnt der Tag meist mit Sonnenschein, gibt es zum Nachmittag kräftige Erfrischungsduschen. Nach einigen engen und feuchten Zeltübernachtungen kriechen wir deshalb am fünften Tag bei Dauerregen zur Abwechslung in einer Alm unter. Unsere Antwort auf die Frage „Wo wollt ihr denn hin?“ hat einen reich gedeckten Tisch mit allerlei Leckereien und eine warme Dusche zur Folge. Danach sinken wir müde und dankbar in trockene Betten.

Kleines Essen – großer Preis

Weiter geht`s hinunter ins Paznauntal. In Galtür mit seinen neuen martialisch anmutenden Lawinenverbauungen stehen wir am Eingang zur Silvretta. Auf der Jamtalhütte erwartet uns genau das Gegenteil zu der gemütlichen Alm in der vergangenen Nacht. Eine „Hütte“ in über 2000 Meter Höhe mit Hotelcharakter, an deren Eingang uns zu unserer Überraschung ein himmelblauer Softeisautomat erwartet. Dankbar für das Dach über dem Kopf sind wir dennoch, können wir unser noch klatschnasses Zelt wieder eingepackt lassen. Der übliche nachmittägliche Dauerregen trägt sehr zu dieser pragmatischen Lösung bei.

Am nächsten Tag geht es hoch zum Futschöl-Pass auf 2768 Meter. Er ist weit und breit der einzige gletscherfreie Übergang in die Schweiz. Gehen, gehen, gehen, Kilometer um Kilometer „fressen“ wir in uns hinein. Eine Woche sind wir jetzt schon ununterbrochen unterwegs. Beine und Füße gehorchen automatisch. Spüren wir sie überhaupt noch? Manfreds Knie bringen sich schon mal mit warnenden Schmerzen in Erinnerung. Nach dem Pass geht es weit und lang hinunter ins Unterengadiner Inntal und wir machen unsere ersten Erfahrungen mit der teuren Schweiz. Ist es der heutige Nationalfeiertag oder sind es die hier üblichen Preise? Hungrig und durstig bestellen wir mittags in dem einzigen geöffneten Gasthof des kleinen schmucken Örtchens Ardez in froher Erwartung jeder einen großen Salatteller, eine große Graupensuppe und zwei große gespritzte Apfelsäfte. Wir bekommen tatsächlich einen großen Teller aber mit einem klitzekleinen Salat, der sich auf dem Tellermittelpunkt verliert und ein Spucknäpfchen Graupensüppchen. Danach bekommen wir aber wenigsten eine wirklich große Rechnung: 64 Franken (ca. 40 Euro). Als finanziellen Ausgleich landen wir am Abend – wieder wegen des Regens – in einem Kuhstall, in dem wir es uns „gemütlich“ machen.

Aufstieg, Abstieg, rauf und runter. Jeden Tag tut jetzt etwas anderes weh. Mal bildet sich aus unerfindlichen Gründen an einem Zeh urplötzlich eine Blase, mal drückt die Schulter, mal schmerzt tagelang ein Hacken und bei Manfred abwechselnd das linke oder rechte Knie. Die Landschaft entschädigt und die Schweiz verabschiedet sich kurz nach dem Ofenpass mit einem zauberhaften Blicken zurück ins Reich von Heidi. Wir erreichen das in Italien liegende Veltlin.

Italienisches Puzzle

Am mittlerweile 10.Tag müssen wir am oberhalb von Bormio liegenden Lago di San Giacomo einen Ruhetag einlegen und Manfred versucht, sein Knie zu besänftigen. Leider erfolglos. Nach gut 200 Kilometern trennen sich unsere Wege. Manfred macht sich per Bus und Bahn auf den Weg zurück zu unserem Auto in Lindau. Ich will trotzdem versuchen, den Gardasee zu erreichen und packe das Zelt und alles Überflüssige aus. Nun bin ich auf feste Übernachtungsmöglichkeiten angewiesen, aber deutlich schneller. Eine filmreife Abschiedsszene und nach der nächsten Biegung liegt nun die zweite Hälfte der Tour vor mir und ich bin allein. Als ob ich mir die Traurigkeit und den mitfühlenden Frust über Manfreds unfreiwillige Aufgabe aus dem Leib rennen will, spurte ich los. Ich bin erstaunt. Waren die zersiedelten Täler in Österreich fast ausschließlich vom Tourismus geprägt und die Orte in der Schweiz klein und fein, ändert sich das Gesicht der Dörfer in Italien abrupt. Kleine graue, schiefergedeckte Steinhäuser, und einfache, ärmliche Dorfstrukturen lassen auf den beschwerlichen Alltag der Bewohner schließen. Ziemlich erschöpft erreiche ich den nüchternen Ort Sondalo und finde in einem einfachen Gasthaus mein Nachtquartier.

Die folgenden Tage werden ein Puzzlespiel der Wegführung, wie so oft in Italien während der Tour. Beispiel: Die Ahnung einer Trampelspur zum Klohäuschen eines eingefallenen Bauernhauses entpuppt sich als der Einstieg zu „meinem“ Weg. Entgegen meiner Karte weder markiert, noch beschildert, geschweige denn begangen. Durch Gestrüpp behindert oder weglos bin ich darauf angewiesen, mich von meinen Intuitionen und Erfahrungen leiten zu lassen, um mein Ziel zu erreichen. Mehrmals gebe ich mich einfach den Zufall hin und vertraue meinem Glück, welches mich überraschenderweise auch nicht im Stich lässt.

Irrwege im Granit

Mein nächstes Ziel ist die wundersame Granitwelt der Adamellogruppe. Ich hatte schon viel gehört von diesen Bergen, die für deutsche Bergsteiger doch relativ unbekannt und weit entfernt sind. Ich bin gespannt. Doch auch hier macht mir die eigenwillige oder auch nicht vorhandene Wegführung einen Strich durch die Rechnung. Meine angespannte Motivation und mein Optimismus bekommen einen empfindlichen Dämpfer. An einem der wenigen Schönwettertage der Tour werde ich auf einen ungewollten Rundkurs geschickt. Der Tag beginnt am Rifugio Aviolo und endet zum Erstaunen der Wirtsleute für mich auch wieder dort. Mein nach der Karte geplanter Weg verliert sich nach anstrengenden 1000 Höhenmetern in einem Schotterbachbett im Nichts. Eine Alternative zu einem erhofften Passübergang entpuppt sich als Rundweg von und zur Hütte. Danach glaube ich meiner Karte nichts mehr und vergleiche sie zukünftig penibel mit den in den Hütten hängenden, meist zutreffenden, italienischen Karten.

So kann ich den nächsten Tag gehen und schauen ohne zu suchen. Natürliche Kletterwände an herrlich festem Gestein mit logischen Routen hinauf und fließende, stürzende Wasser herab aus den Gletscher- und Schneeregionen des Adamello- Zentralbereichs begleiten mich. Dazu eine Vielfalt an Pflanzen und Blumen – ein wahres Bergparadies.

Meditation im Regen

Ist das Wetter bisher schon bescheiden gewesen, so wird’s jetzt zunehmend wirklich kritisch. Die Berge verhüllen sich im Grau und der Himmel weint von nun an tagelang ununterbrochen. Ich stehe vor der Gewissensentscheidung: Abwettern oder ignorieren? Egal – ich will`s hinter mich bringen. Nicht der Weg ist jetzt das Ziel, sondern das Ziel selbst. Der Gardasee wartet und danach kann ich endlich die Beine hoch legen. Oben auf den fast 3000 Meter hohen Pässen liegt Neuschnee. Dank GoreTex bin ich erst nach zwei Stunden klatschnass – toll! Vorsichtig auf dem nassen Granit balancierend hoch, runter, hoch, runter. Alleine unterwegs sein, bedeutet jetzt erst recht: keinen Fehler machen, hochkonzentriertes Gehen ist angesagt! Zweifel bestimmen meine Gedanken: Ist bei dem Wetter der Gardasee noch zu erreichen? Regen, Graupel, Schnee. Am 16.Tag ändere ich meine Planung, verzichte auf weitere hohe Pässe und wähle zur Sicherheit eine Straße hinab ins nächste Tal und hinaus aus dem Hochgebirge des Adamello. Endloser Asphalt zieht sich von einem Staudamm dutzende von Kilometern kaum merklich 1000 Höhenmeter hinab. Der Regen trommelt ununterbrochen auf meine Regenkleidung, in die ich meditativ versinke und gehe und gehe und gehe …

In Bersone finde ich sehr beschwerlich ein Hotelzimmer, wo ich mich und alle meine Sachen endlich einmal trocknen kann. Ganz Italien ist im August in Urlaub, trotz Regen! So wie ich jetzt aussehe, würde ich mir allerdings auch keine Unterkunft mehr geben. Meine Hoffnung: Am Übergang zu den Gardaseebergen habe ich hier noch eine kleine Chance, die Tour fortsetzen zu können. Ängstliche Blicke zum Himmel. Ich brauche eigentlich nur noch zwei Tage, dann bin ich durch! Aber sintflutartige Regenfälle zwingen mir einen Tag Pause ab. Sollte ich so kurz vor dem Ziel scheitern?

Endlich am Gardasee

Am nächsten Morgen glaube ich an Wunder: Kaiserwetter! Der blankgeputzte Himmel strahlt mit der Sonne um die Wette. Los, los nur keine Zeit verlieren. Wie mit Siebenmeilenstiefeln eile ich durch die Landschaft und tauche ein in die lieblichen Gefilde der Gardaseeberge. Warme mediterrane Seidenluft und üppiges Grün empfangen mich. Die letzten 2000 Höhenmeter hinauf und 3000 Höhenmeter hinunter fliege ich. Keine Sekunde dieses schönen Wetters will ich ungenutzt lassen und entscheide mich für einen letzten Ein-Tages-Gewaltmarsch.

Nach insgesamt 18 Tagen erreiche ich total erschöpft endlich mein Ziel Riva und schicke das Plätschern des Gardasees durch mein Handy nach Hause. Schade, dass ich meine Freude nun nicht mit Manfred teilen kann. So muss ich allein den Vorsatz fassen: In Zukunft landen alle zweifelhaften berg- oder wandermäßigen Ideen sofort im Papierkorb!

Na ja, vielleicht doch nicht alle …

Für Statistiker:

400 Kilometer,
140 Stunden reine Gehzeit,
über 24.000 Meter
jeweils im Auf- und Abstieg,
16 Tourentage
(18 Tage gesamt, 2 Regentage),
Verschleiß von ein Paar Schuhen und
Verlust von 6 Kilogramm Körpergewicht

Durchschnittlich je Tourentag:

25 Kilometer,
8 ¾ Stunden Gehzeit,
1500 Meter jeweils im Auf- und Abstieg,
3 Liter Wasser, 2 Liter Apfelschorle und
? Liter Bier oder Rotwein