Besteigung des Imjatse (Island Peak), 6189 m

Über die Daunenjacke, die Befindlichkeit

und den Himalaya, der überall ist …

Gedanken und Gefühle bei der Besteigung des Imjatse (Island Peak),6189 m
von Ralf Brehl

 

Ich (Ralf Brehl) und Piet (im Vordergrund) am Gipfel des Island Peak 6189mIm Oktober des Jahres 1998 machte sich eine Gruppe von 7 Bergsteigern auf den langen Weg zu den Göttern des Himalaya. Ziel war ein über 5000 Meter hochgelegenes, einsames Tal in Nepal in der Nähe des Everest. Am Ende der selbstorganisierten, fast 6-wöchigen Tour, sollte auf dem Rückmarsch -sozusagen als Schmankerl- ein zweiter, leichter Sechstausender bestiegen werden. Hinter dem Basislager auf 5160 m Höhe lag der Imjatse (Island Peak), 6189 m, was folgte, war alles andere als der geplante „Spaziergang“. Die kräftezehrenden Wochen zuvor in den Hochlagern hatten Spuren hinterlassen und jeder Schritt, der 1029 zu über-windenden Höhenmeter, gab Gelegenheit, über die Zweifelhaftigkeit dieses Tuns nachzudenken …

Die Besteigung fängt schon am Vortag an – im Kopf und beim Packen: Abwägen, was ist unverzichtbar, kramen, wühlen, die Zahnbürste fliegt ´raus. Welche Kleidung: Zwei Hosen und Überhose oder Normalausführung ? Daunenjacke ? Ich schaue durch die klare Luft immer und immer wieder hoch. Ha ! – lächerliche 1000 Höhenmeter ! Aber immerhin 1000 am Stück, in dieser Höhe, nach den Strapazen bisher !

Fühle ich mich eigentlich gut ?

… geht mir im Schlafsack abends durch den Kopf. Wecken ist um 2 Uhr geplant. Hoffentlich muß ich nicht so oft pinkeln. Und ob ! Im 2-Stunden-Rhythmus muß ich in die eiseskalte, tiefschwarze Nacht. Doch die Daunenjacke und die Überhose ? Wie fühle ich mich eigentlich ? Warten – endlich 2 Uhr. Ein mechanischer, vorprogrammierter Ablauf folgt. Anziehen, aufpassen, daß der Reif im Zelt nicht alle Klamotten naß macht. Es schneit -im Zelt-, Überhose landet im Rucksack, Daunenjacke in der Zeltecke. Minus 11° C -im Zelt- na bitte, könnte schlimmer sein … Raus, schon wieder pinkeln, leichter Durchfall – die Aufregung oder die Bohnen von gestern ?

Fühle ich mich jetzt besser ?

Nein, – aber wenigstens leichter…! Treffpunkt Küchenzelt, müde hocken wir auf dem Boden, drei Kocher fauchen, brüllen, was der Brennstoff hergibt. Alles wuselt hektisch hin und her, durch den flatternden Zelteingang funkeln gefrorene Sterne, weht der kalte Hauch der Gletscher. Trinken – ja,ja, aber essen um halb drei ? Die Qual beginnt, vier Löffel Müsli, Toast und gebratene Eier werden heruntergewürgt. Ist die Entscheidung mit der Daunenjacke richtig ?

Ich fühle mich immer noch nicht gut.

Wie auch. Eingezwängt zwischen den Flammenwerfern und den Bergkameraden, deren Gesichter nicht nur durch das flackernde Licht gespenstisch und aschfahl aussehen. Keine Zeit, die Daunenjacken-entscheidung rückgängig zu machen – es geht los ! Pünktlich um 3 Uhr – endlich ! Endlich ? Die eisige Nacht empfängt uns. Ich stolpere mit schweren Plastikstiefeln halb blind über Geröll und Gestein. Im Schein der Stirnlampen den Weg suchend....(welchen Weg ?), der Rucksack zieht, das Seil wiegt mindestens das Doppelte, die Schuhe drücken (Mist-Plastik-Stiefel !). Direkt hinter dem Lager geht es steil bergauf. Ich steige vor, bin zu schnell, mein lauter keuchender Atem und der hämmernde Puls im Kopf machen mich langsam wach, da kommt auch schon der Ruf „Langsamer !“. Mir wird kalt und meine Gedanken gehen zum BaseCamp. Dort friert mein warmer Schlafsack ohne mich im Zelt langsam durch. Meine Daunenjacke auch … Gedämpft höre ich unter mir das Scharren der anderen im Geröll, das metallische Klappern ihrer Pickel. Die Nacht umhüllt mich häßlich mit ihrem schwarzen, bleiernden Mantel und wie zum Hohn immer wieder dieses unschuldig, wunderschöne Glitzern der Sterne …

Ich fühle mich so unendlich elend und einsam ohne meine geliebte Daunenjacke !

Wenn ich jetzt sagte, daß mein Knie schmerzt oder mir übel sei vor Kopfschmerz ? Nein, das Knie ist besser ! Umkehren, in den Schlafsack kriechen und nicht mehr steigen müssen, schnaufen bis einem fast der Schädel platzt. Ja – warum kehre ich eigentlich nicht um ? Warum auch geht´s beim Bergsteigen bergauf, immer nur bergauf ? Und dann auch noch so steil ? Ich sehe nur einen Durchmesser von einem Meter im hüpfenden Lichtkegel meiner Stirnlampe. Wo gehe ich überhaupt hin ? Hoch – die Anstrengung läßt keinen Zweifel. Seit zwei Stunden ist dieses Gefühl zwingend und alles beherrschend.Meine Welt ist eintönig kalt und schwarz, nur im Scheinwerferlicht auch noch grau, staubig und steinig. Zwei Stunden können sehr lang sein. In der dünnen Luft keuche ich mir die Lunge und wahrscheinlich auch das Hirn ´raus. Besser gesagt den letzten Rest des Hirns, denn ein angeblich vernunftbegabtes Wesen wäre zu solch´ einem Unsinn wohl nicht in der Lage … Wann wird es endlich Morgen und damit heller und vielleicht wärmer ? Nicht ablenken lassen, ich stolpere , muß jetzt auch noch klettern, ein Hustenanfall schüttelt mich.

Ich fühle mich immer noch nicht gut – falsch – ich fühle überhaupt nichts mehr.

Doch da – ein Lichtblick, die ersten Gipfel werden orangerot. Mir ist saukalt, wo ist die Daunenjacke ?! Langsam erkenne ich die Welt, auf der ich steige, Geröll, nichts als Geröll. Erst etwas weiter oben zeichnet sich hell ein gigantisch zerrissener Gletscherabbruch ab. Hoffentlich scheint dort dann endlich die Sonne. Oben angelangt – Mist ! Die Sonne versteckt sich hinter den sieben Bergen – wenn ich doch bloß nicht so schnell gestiegen wäre… Steigeisen und Pickel ´raus, wir betreten den Gletscher. Die Daunenjacke liegt im Zelt, rund 600 Höhenmeter unter mir. Die Kälte hat von jeder Faser meines Daseins Besitz ergriffen, selbst die Bewegung wärmt nicht. Ich versuche ein Spagat zwischen schneller, wärmender Bewegung und höhenbedingter Atemlosigkeit -Verlierer bin immer ich ! Zwischen atemberaubenden Steilstufen und Eiszapfenvorhängen schleichend, rückt der Gipfel sichtbar näher.

Geht´s mir jetzt besser ?

Mir geht´s besser – endlich erreichen mich die ersten Sonnenstrahlen, ich taue auf, die Welt erscheint in mehrfachem Sinne in anderem Licht. Nach einer halben Stunde kehren sich die positiven Empfindungen um. Die Sonne brennt erbarmungslos und der Gletscher verwandelt sich in einen weißen, eisigen Hochofen, der mir den letzten Rest an Energie und Flüssigkeit entzieht. Ein Glück schleppe ich jetzt die Daunenjacke nicht spazieren …! Langsam wird mir bewußt, daß ich nun mittlerweile 5 Stunden steige, ohne Pause – 800 Höhenmeter. In dieser Höhe ! An der 6000er-Grenze lasse ich mich auf meinen Rucksack fallen, mitten auf dem Gletscher, in einer Mulde. Ich kann nicht mehr ! Vor mir liegt der letzte demotivierende Steilaufschwung, der zum schmalen Grat hochzieht. Ich trinke Tee, würge Schokolade durch meine ausgetrocknete Kehle und schlafe augenblicklich ein. Nach einigen Minuten schrecke ich auf – da war doch noch was ? Ach ja – der Gipfel !

Wenn ich hier sitzenbliebe, ging es mir richtig gut !

Langsam dämmert mir, daß ich mir nur gönne hinunterzugehen, wenn ich oben war. Der hundertfach erlebte und eingeübte Automatismus funktioniert auch in über 6000 m Höhe. Der Mensch mit ausgebranntem Hirn greift zu Pickel und Eisgerät, Rucksack bleibt liegen.Piet und ich fangen an, uns nach oben zu schleppen. 10 Schritte – stop – keuchen, atmen, Lungen füllen, Puls beruhigen – weiter. 10 Schritte – stop -, mit weit aufgerissenem und ausgetrockneten Mund sauge ich Luft und damit Sauerstoff in meine Lungen, die wie ein Hochleistungs-blasebalg funktionieren. Die Landschaft ist grandios, Schnee und Eis heben sich wie unwirklich ab, vor einem stahlblauen, klaren Himmel, der sich nach oben hin bis ins Tiefschwarze verfärbt. Wer weiß, ob meine Sinne mich in dieser dünnen Luft nicht schon betrügen … ? Weiter – jetzt bloß nicht melancholisch werden. Das Fixseil zeigt steil nach oben – Wegweiser, wer Zweifel hätte. Ich schiebe die Steigklemme mit rechts, dresche das Eisgerät mit links in das merkwürdig krümelige Eis/Schnee-gemisch und hebe automatisch im Wechsel meine Beine. Rechts – links – rechts – links, schwer hechelnd komme ich dem Grat näher, dem Gipfel. Nur die Aussicht auf ein Ende dieser Strapazen läßt mich weitersteigen.

Wie geht´s eigentlich den anderen ?

Beruhigend ! Auch so schlecht wie mir. Oder schlechter ? Die andere Seilschaft rastet unten in der Gletschermulde. Jetzt bloß nicht schlapp machen. Auf dem Eishang auch keine gemütliche Vorstellung … Der Grat ! Ich bin oben und doch unten, denn ich blicke ernüchtert in das Gesamtkunstwerk „Lhotse-Südwand“, welches sich noch einmal über 2500 Meter hinter „meinem“ Gipfel aufbaut. Und der ist jetzt greifbar nahe. Jetzt aber keinen Fehler machen, links geht´s 500 Meter hinunter, rechts 300 Meter. Auf dem handtuchschmalen Grat balanciere ich vorsichtig die letzten Windungen hoch zum Gipfel. Vorsichtig zelebriere ich den Steigeiseneinsatz, Schritt für Schritt, damit mir ein zwar ehrvoller aber auch endgültiger Abgang ins ewige Reich der Bergverrückten erspart bleibt. Durst, Atemlosigkeit und Erschöpfung – bisher quälende Empfin-dungen schwinden allmählich und machen einem euphorischen Glückgefühl Platz. Die Daunenjacke ist vergessen.

Mir ging´s noch nie so gut wie jetzt !

Ich bin oben und falle Piet in die Arme. Das Gefühl der Freude nimmt vollständig Besitz von mir und woher ich die Flüssigkeit für meine Tränen aus meinem ausgetrockneten Körper nehme, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Auf meinen dicken Handschuhen sitzend genieße ich die plötzliche Ruhe nach der Anstrengung. Kein links, rechts, kein Steigen mehr – nur schier unendliche Ruhe und Wohligkeit. Langsam setzt sich das Umgebungsbild wie ein Puzzle zusammen und erreicht meinen Verstand. Ich ergehe mich in einem 360°-Panorama. Schwarzblauer Himmel, durchbrochen von den unerreichbaren weißen Giganten des Himalaya wie Lhotse, Lhotse Shar, Nuptse, Makalu. Aber auch unzählige namenlose Sechs- und Siebentausender, umgeben von weiten, einsamen Tälern und Landschaften.

Nächste Ziele ? – Nächste Ziele !

Wenn nicht hier – dann woanders, denn den eigenen, ganz persönlichen Himalaya findet man überall …

Was ich wünschte, war Bewegung und

nicht ein ruhiges Dahinfließen des Lebens.

Es verlangte mich nach Aufregungen und

Gefahren, nach Selbstaufopferung um

eines Gefühls willen.

In mir war ein Überschuß von Kraft,

der in unserem stillen Leben keinen Raum

zur Bestätigung fand.

LEO N. TOLSTOI,

aus dem Buch » Familienglück «

Download this article as an e-bookDownload this article as an e-book

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.